Grace

grace

Meinen kleine, souveränen und immer fröhlichen „Puschi“ nach 3 gemeinsamen Jahren zu verlieren, das hätte ich nun nicht mal im Traum für möglich gehalten. Eine allzu menschliche Wesensart ist es leider, immer zu denken dass alles nach gewohntem Schema abläuft. Nimmt man einen jüngeren Hund bei sich auf, so ist man immer wieder der Meinung, man hätte ja noch Jahre Zeit. Das ist das meist gehörte Argument, wenn Kunden zu mir kommen und sich einen Hund holen möchten. Wenn er doch schon älter ist, dann haben wir ihn ja nicht lange. Mal wieder falsch gedacht. Diese Lektion war die, die ich schmerzlich von meiner „Grinsebacke“ lernen musste. Zeit zu haben ist eine menschliche Erfindung. Hunde leben im hier und jetzt, wir sollten uns eine gehörige Portion von dieser Einstellung zu eigen machen.

Grace kam mit ca. 2 Jahren zu mir. Auf dem Gnadenhof von animal hope trabte sie eines Tages um die Ecke. Ich hatte gerade Feli, der Leiterin des Gnadenhofes gesagt, ich wollte einen kleinen Hund (so Fußhupengröße 🙂 ) bei mir aufnehmen. Aber wie das Schicksal nun mal spielt, kaum hatte ich den Mund zu, kam „mein Hund“ um die Ecke. Wir schauten uns an und es war beiden sofort klar, wir gehörten zusammen. Also stieg sie in mein Auto ein, fuhr mit zu uns nach Hause. Luna und Quarz waren auch sofort mit dem neuen Ankömmling einverstanden. Also war es beschlossene Sache. Wir hatten eine Menge Spaß miteinander. Der kleine Frechdachs brachte allerhand Schwung in die doch schon gesetztere Gruppe. „Jagen wir was schönes????“ Dies war wohl die Frage, die ich am meisten von ihr hörte. Da ich dies leider verneinen musste hielt sich mich wohl oft für eine Spaßbremse. Also trainierten wir ein dreiviertel Jahr am „Nein, wir jagen nicht, aber wir haben anderweitig eine Menge Spaß“ und tatsächlich hatte sie danach ein Einsehen mit ihrem Frauchen.

Nach geraumer Zeit fiel mir auf, dass sie oft steifbeinig ging und offensichtlich hin und wieder die Haut auf Berührungen überempfindlich reagierte. Drei Kliniken wußten nicht was das sein sollte. Da die Symptome auch rasch wieder verschwanden und oftmals beim Besuch in der Klinik schon nicht mehr vorhanden waren, wurde keine eindeutige Diagnose gestellt. Nachdem Luni gestorben war, bemerkte ich, dass Grace Blut im Urin hatte. Sie wurde auf eine Blasenentzündung hin behandelt. Die Abgeschlagenheit war ja offensichtlich auf die Blasenentzündung zurück zu führen. Es ging ihr aber immer schlechter. Eine Besserung trat trotz Medikamente nicht ein. Dann fing das Fell an auszugehen. Ich fuhr sofort mit ihr noch am gleichen Abend in die Tierklinik. Die Diagnose war niederschmetternd. Die Ultraschalluntersuchung hatte gezeigt, dass eine Niere deformiert war. Die Tierärztin war sichtlich besorgt und ordnete neue Tests an. Ihre Vermutung sollte leider nach Auswertung der Tests bestätigt werden: Leishmaniose. Ich war wie vom Donner gerührt. Grace wurde auf das einzige Mittel eingestellt das für diese heimtückische Krankheit bekannt ist. Leider verarbeiteten ihre Nieren und die Leber das Medikament nicht mehr. Die Krankheit schritt rasend voran. Sie kam eine Woche morgens an den Tropf, abends durfte ich sie für die Nacht mit nach Hause nehmen. Wenn ich sie abholte, nahm sie alle aufgetankte Kraft zusammen und kam mir grinsend entgegen gelaufen. So hofften und bangten wir Woche um Woche. Neue Tests und Blutbilder, mal gut, mal schlechter. Dann endlich ein wenig besser und für 3 Wochen konstant. Hatten wir die Krankheit endlich im Griff? Leishmaniose ist nicht heilbar, aber es gibt Hunde die mit ihr sehr wohl ein paar Jahre leben können, ja sogar alt werden. Leider verläuft sie oftmals tödlich. Am Neujahrstag klappte sie mir auf dem Gehweg zusammen als wir gassi gehen wollten. Sofort ab in die Tierklinik. Dort sagte man mir dass es keine Hoffnung gäbe, ich sollte sie erlösen.
Als ich mein Mädchen im Arm hielt und ihr in die Augen schaute war da einfach noch zu viel Leben in ihr. Ich entschied mich dagegen. Völlig fertig und in Tränen aufgelöst fuhr ich auf direktem Weg zu einem befreundeten Heilpraktiker. Ich legte ihm das Bündel Fell vor die Füße und bat ihn, uns zu helfen. Nachdem er sie untersucht hatte, meinte er, die Leber sei vergiftet und mit den Medikamenten überfordert. Also gab er uns etwas mit und sagte mir, wenn es innerhalb der nächsten 12 Stunden nicht wirkt sollte ich den letzten Gang mit ihr gehen. Wir fuhren heim und schon nach 4 Stunden stellte sich eine enorme Verbesserung ein. Nach 12 Stunden gingen wir wieder gassi. Es war beeindruckend. Die Behandlung schenkte uns noch ein gutes halbes Jahr zusammen. Dann schlug die Krankheit erneut zu, diesmal endgültig.

An genau dem gleichen Wochenende, genau ein Jahr nach Luna machte sich Grace auf den Weg. Es war ein Freitag Morgen. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag erblindete sie von einer Sekunde auf die andere. Kurz zuvor waren wir nochmals in der Klinik. Im Wartezimmer schaute sie zu mir auf und ich wußte, dass es nun soweit war. Wenn man zuhört, sagen einem die Hunde wann sie gehen. Sie wissen es genau. Ich kam in die Sprechstunde und die Ärzte sagte noch zu mir: „Oh, sie sieht ja super aus! “ Ich wußte aber dass dem nicht so war. Grace ging wie alle meine Hunde, zu Hause, im Kreis derer mit denen sie gelebt haben. In ihrer vertrauten Umgebung, in Ruhe. Ich streichelte den gesamten Nachmittag ihr Fell, saß mit ihr am Boden und erzählte ihr Geschichten die wir gemeinsam erlebt hatten. Es war gemessen an den Jahren eine kurze Zeit, aber das sagt nichts darüber aus, wie verbunden man miteinander ist.
Herzen schlagen nicht nach den Kalender. So ging auch mein dritter Hund über die Regenbogenbrücke und hinterließ seine Pfotenabdrücke in meinem Leben und meinem Herzen.